| Es waren einmal zwei Brüder, die beide
sehr erfolgreich im Leben waren. Der eine hatte eine große Kerzenfabrik
aufgebaut, und er verdiente genug, um seine Familie reich zu beschenken,
und er hatte auch genug Zeit für sie. Der andere war ein Politiker.
Er war unter dem Volk und von seiner Familie sehr geliebt. Doch er durfte
trotz seines großen Erfolges nicht so oft wie sein Bruder bei seiner
Familie sein, denn er mußte viel auf Reisen gehen. Jedes Jahr zu Weihnachten waren die Brüder sehr mißmutig, obwohl Weihnachten doch das Fest des Friedens ist. Der Besitzer der Kerzenfabrik hatte im Advent ein gutes Geschäft gemacht, und er freute sich darüber so sehr, daß er seinen Bruder, der nicht einen einzigen Adventabend mit seiner Familie verbringen konnte, sehr vergrämte, sodaß all weihnachtliche Stimmung verloren ging. Doch eines Weihnachtsabends konnte die Familie, die sich jedes Jahr bei den Eltern der beiden Brüder traf, um dort die Bescherung zu feiern, die beiden Brüder überhaupt nicht mehr beschwichtigen. Die beiden hatten sich wegen einer Kleinigkeit gestritten und wollten sich weder sehen noch hören. Beleidigt gingen sie nach Hause und ließen ihre Familien zurück. Der Politiker war sehr böse. War er schon die ganze Adventszeit nicht zu Hause, so wollet er zumindest an den Feiertagen die Geborgenheit der Familie genießen. So schwor er seinem Bruder Rache. Und wirklich setzte er einige Zeit später sein Wort in Tat um. Er beschloß in seinem Land das Verwenden von Kerzen zu verbieten. Das offene Feuer sei viel zu gefährlich, und außerdem würden die Menschen viel Geld sparen. Anfangs waren viele Menschen von der Idee des Politikers begeistert. Es gab keine Kerzenflecken mehr, die mühsam aus den Teppichen geschrubbt oder aus den Tischtüchern gebügelt werden mußten. Die Eltern mußten zu Weihnachten ihre Kinder nicht mehr rund um die Uhr beobachten, denn ein Brand war ausgeschlossen. Die Menschen ersparten sich also viel Zeit, Arbeit und Geld, und sie waren zufrieden. Doch der Bruder des Politikers ging in Konkurs. Er hatte keine Arbeit mehr für sich und seine Angestellten. Er wußte nicht, was er mit seinem Vorrat an Kerzenwachs machen sollte, denn niemand konnte mehr Gebrauch davon machen. So war er lange Zeit arbeitslos und machte viele Schulden. Währenddessen malten die Menschen im Advent jeden Sonntag ein Kästchen an, anstatt eine Kerze am Adventkranz anzuzünden. Zu Weihnachten schmückten sie den Raum mit bunten Discoleuchten und nur wenige störten die neuen Bräuche. Doch es gab auch ein kleines Mädchen in der Heimatstadt der beiden Brüder, welches sehr arm war. Früher als die Menschen noch Kerzen hatten, verkaufte es viele Zündhölzer und mit dem verdienten Geld machte es sich einen schönen Weihnachtsabend. Der 24. Dezember war der einzige Tag, den das Mädchen genoß, aber nun war auch diese Freude für sie gestorben. Aber das Mädchen war sehr schlau, und so beobachtete es die Menschen und entdeckte etwas sehr Interessantes: Trotz der Weihnachtstage waren die Menschen in der Stadt immer unzufriedener. Sie bereiteten festlichere Mahle und größere Geschenke. Sie luden Freunde und Bekannte zu Weihnachten ein, doch es wollte nie eine nette Stimmung aufkommen. Doch das Mädchen wußte bald, was ihnen fehlte. Es waren die Kerzen. In den Häusern und Wohnungen roch man schon lange nicht mehr den Geruch von Kerzenwachs, und keine flackernde Flamme beruhigte die hektischen Gemüter der Menschen. Und so schlich sich das kleine Mädchen in die längst verfallene Kerzenfabrik, um noch übriges Kerzenwachs zu finden. Und wirklich waren dort Docht und Wachs in Übermengen vorhanden. Und so begann das Mädchen seine Arbeit. Es goß Kerze nach Kerze und verkaufte diese dann heimlich an die Menschen. Es machte ein gutes Geschäft, denn alle waren gierig nach Kerzen. Die Menschen, die inzwischen gemerkt hatten, wie wichtig die Kerzen waren, wählten den Politiker, der auch in anderen Belangen immer verschrobenere Ideen hatte, nicht mehr und so verlor dieser nach kurzer Zeit seine Arbeit. Er hatte nun endlich mehr Zeit für seine Familie und konnte die Adventabende Zuhause verbringen, doch er war sehr enttäuscht. Er erinnerte sich an die Adventszeit seiner Kindheit. Damals hatte seine Mutter das Licht abgedreht, und die ganze Familie hatte bei Kerzenschein Adventlieder gesungen. Auch jetzt noch sang er mit seinen Kindern die Lieder von damals, doch es war nicht so schön. Es war ihm jedoch nicht bewußt, daß es die Kerzen waren, die ihm fehlten. Traurig über die mißlungenen Abende ging er eines Tages spazieren. Er ging aus der Stadt hinaus, über die Felder und kam dann zu einem Häuschen in einem kleinen Vorort. Er schaute durch ein Fenster in eines der Zimmer, und plötzlich spürte er wieder diese wunderschöne Stimmung, die Frieden und Freude in sein Herz brachte. Und da sah er in der Mitte der Raumes eine kleine Kerze flackern. Er war schon sehr erbost und wollte die Gesetzesbrecher anzeigen, doch dann besann er sich und wollte den Menschen danken. Denn sie hatten ihn im wahrsten Sinne des Wortes erleuchtet. Er klopfte an, und siehe da, sein Bruder öffnete ihm die Tür. Die beiden hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen, doch jetzt wußten sie beide, daß der Streit ein Ende hatte. Sie blickten einander lange Zeit an und umarmten sich dann stürmisch. Diese Weihnachten sollten sie wieder mit ihren Eltern und ihren Familien verbringen, und es wurde ein großes Fest arrangiert. Während des Abends erfuhr der Politiker auch von dem Mädchen, welches inzwischen die ganze Stadt mit Kerzen versorgte. Die beiden Brüder beschlossen dem Mädchen zu helfen, die alte Fabrik wieder aufzubauen. Durch eine Volksabstimmung wurde auch das Kerzengesetz wieder abgesetzt und das Mädchen wurde Leiterin der Fabrik. Die beiden Brüder arbeiteten nun beide als Angestellte in der Fabrik und waren glücklich. Aber seit dieser Zeit änderte sich auch noch etwas anderes: Nicht nur zur Weihnachtszeit wurden Kerzen verwendet, sondern es gab auch Geburtstagskerzen, und bei jedem guten Fest durften Kerzen nicht fehlen. Als dann die beiden Brüder gestorben waren, stellte man als Andenken eine Kerze auf ihr Grab, und so ist es auch noch heute üblich, Gräber mit Kerzen zu schmücken. Überall begann man Kerzen zu verwenden und sie sollen die Menschen glücklicher und friedlicher machen. Mödling am 5.12.1995 |